Duzen am Arbeitsplatz: Was sich ändert, wenn man "Du" statt "Sie" sagt

Vor Kurzem haben wir bei unserem wöchentlichen Check-in nicht wie sonst nach ABC, sondern nach Jahrgang sortiert gesprochen. Als Jüngste habe ich den Anfang gemacht. Matthias fiel dabei auf, dass ich "noch nicht geboren war, als [er sein] Abi gemacht hatte", worüber wir gestaunt haben. Wer hätte gedacht, dass sich im Team so große Altersunterschiede finden?

Dann ist mir aufgefallen - krass, dass ich mit dem Kombostatus der "Jüngsten" und der "Werkstudentin" hier so bequem mitmachen kann, meine Meinung genauso angenommen oder abgelehnt wird wie die der anderen. In anderen Beschäftigungsverhältnissen ist mir so ein Verzicht auf hierarchische Barrieren bisher nicht begegnet.

Diesen Bruch mit Rangordnung markiert unser Team aber nicht nur darin, wer wann sprechen kann (also: immer), sondern auch darin, wie gesprochen wird: Wir duzen uns alle gegenseitig - und am liebsten duzen wir jede*n unternehmensnahen Menschen gleich mit.

Aber was für eine Aussage trifft das Duzen am Arbeitsplatz? Was verändert sich, wenn man bei der Arbeit "Du" statt "Sie" sagt? Welchen Einfluss hat die Sprachkultur eines Unternehmens auf die Arbeitnehmenden? Und was hat das Du mit Hierarchien bzw. deren Abwesenheit zu tun?

Diese Aspekte möchte ich in den folgenden Unterpunkten betrachten:

  1. Abbau von Hierarchien
  2. Für's Team-Gefühl
  3. Für's Menschsein
  4. Kurzfassung

Zum Siezen fallen mir beim Kramen in der Vorbehaltskiste folgende Dinge ein:

  • Formeller Sprachkontext, in dem auf umfangreiche Höflichkeitsstrategien zurückgegriffen werden muss
  • Schwer zu überwindende hierarchische Strukturen
  • Implizierte Distanz zur Gesprächsperson

Das Sie bringt für mich die Erwartung an einen Sprachraum mit, der von Machtgefällen und verkomplizierter Kommunikation geprägt ist. Wer siezt, will eine Distanz zu anderen Gesprächsteilnehmenden aufbauen oder bewahren.

Dieses Auf-Armlänge-Halten und der Ausdruck von gesprächsinternen Rangordnungen fällt mit dem Du jedoch weg. Stattdessen impliziert das Du, dass die Sprechenden gleichwertig sind und sich auf Augenhöhe befinden. Das Duzen am Arbeitsplatz schafft ein Gefühl von Nähe und gibt Gesprächsteilnehmer*innen die Chance, ihren Austausch direkter und transparenter zu gestalten. Denn durch den Verzicht auf sprachliche, hierarchische Barrieren kann Kommunikation fokussierter, offener und verständlicher für uns wirken.

Wie schon erwähnt, errichten wir durch das Siezen Barrieren, die uns auf Entfernung halten. Das Du dagegen drückt ein Gefühl von Nähe aus: Wenn mein*e Gesprächspartner*in und ich auf Du-Basis sind, erhalte ich eher den Eindruck, dass ich dieser Person auf persönlicher Ebene begegnen kann. Man hat sozusagen einen "direkteren Draht" zum*zur Gegenüber.

Vor allem in einem Team kann auf diese Weise ein nachhaltiges Wir-Gefühl entstehen. Zudem wird eine lockere Gesprächsatmosphäre begünstigt und eine offene Diskussionskultur hervorgerufen. Dadurch kann es einfacher sein, ein ehrliches und transparentes Verhältnis zueinander aufzubauen.

Natürlich ist eine sprachliche Distanz in einigen Situationen auch hilfreich. Man muss nicht jede*n duzen, der*die näherkommt. Da kann das Sie ein wirksames Werkzeug sein, um Abstand auszudrücken.

Aber in einem Team, das gemeinsam am gleichen Ziel arbeitet, sollte Kommunikation so stracks wie möglich funktionieren. Durch das Du können wir bei der Arbeit umständliche Höflichkeitsstrategien abschreiben und sofort auf den Punkt kommen.

Wir sind eine Teal Organization - der Wunsch nach empathischen Strukturen ist unserem Unternehmen quasi in die Wiege gelegt. Ein wichtiger Teil davon ist, einen Sprachraum zu gestalten, in dem jede*r als Mensch auftreten kann und als Mensch wahrgenommen wird. Unser Vorliebe für's Auf-der-Arbeit-Duzen ist ein Ausdruck dieses Wunsches.

Ich zum Beispiel habe das Gefühl, dass ich mehr "ich" bin, wenn ich mich in einem Kontext aufhalte, in dem ich als Sarah und nicht als Frau Bastian auftrete, in dem ich geduzt werde und duzen kann. Eine Sie-Situation erwartet von mir einen sachlichen Modus. Ist das Du im Umlauf, ist die Wahrscheinlichkeit um einiges höher, dass ich meine Maske ablegen und authentischere Seiten zeigen kann, die womöglich weniger seriös, aber Teil meiner Persönlichkeit sind.

In Unternehmen bzw. Teams, in denen das Duzen gang und gebe ist, wird offener und auf Augenhöhe kommuniziert. Durch das Du bauen wir hierarchische Barrieren ab, was uns hilft, direkt und ohne Floskeln über unsere Anliegen zu sprechen.

Ganz klar müssen neben der Ansprache auch noch andere Gegebenheiten für ein vertrauensvolles Miteinander erfüllt sein - ein Du kann nicht im Alleingang Hierarchien auflösen.

Das Du legt aber einen wichtigen Grundstein dafür, dass sich Arbeitnehmende in ihrer Ganzheit bei der Arbeit einfinden, vertrauensvolle Gespräche führen und offene Beziehungen entstehen lassen können.

Es ist im Übrigen okay, wenn sich das Du für Dich bzw. Sie nicht gut anfühlt - wie man angesprochen werden will, muss jeder Mensch immer noch für sich selbst entscheiden. Ich kann aber für mich festhalten, dass ich hier richtig und sehr froh darüber bin, in einem Team zu arbeiten, in dem das Du natürlich im Raum steht.